11.12.2009

Von Homophobie und der Freiheit der Lehre

 

Im Herbst des Jahres 2008 beschwerten sich Studierende aus dem ersten Semester des Studienganges “Soziale Arbeit” beim AStA über die Aussage eines Dozenten in der Veranstaltung “Psychiatrische und Sozialmedizinische Grundlagen”, der postulierte, Homosexuelle seien “krank, weil sie nicht der Selbst- und Arterhaltung dienen.” Ausserdem wurde in der Vorlesung noch ein grenzwertiger Vergleich zwischen Europäern und sogenannten “Buschmänner[n]” angestellt.

Als sich Vertreter_innen des AStA, aus dem Queer-Referat, der Sache annahmen und einen Gesprächstermin mit dem Dozenten vereinbarten, verschärfte sich die Situation jedoch immens. So verlor sich der Dozent, anstatt das Missverständnis aufzuklären, von dem die Referent_innen ausgingen, in Mutmaßungen und unwissenschaftliches Gehetze. So ließ er unter anderem verlautbaren, er halte das Queer-Referat des AStA für “äußerst bedenklich und sehr gefährlich” und sehe sich an den Pranger gestellt. Er verglich die Studierendenvertretung sogar mit den Blockwarten, wie sie unter der NSDAP im dritten Reich existierten.

Weiterhin verglich er Homosexuelle mit Pädo- und Nekrophilen, behauptete, Kinder trügen nach einem Missbrauch nicht zwangsläufig Schäden davon, und Schwule seien im dritten Reich vergast worden, weil sie krank sind, Juden hingegen, weil sie “böse” waren. Doch es blieb nicht nur bei den Äußerungen gegenüber den AStA-Vertreter_innen, ähnliches ereignete sich auch in einem Gespräch, das die Studierenden des ersten Semesters unabhängig davon mit ihm führten.

Geschockt von den Ansichten des Dozenten, informierte des AStA umgehend den Dekan des Fachbereiches sowie später auch den Rektor der HSNR persönlich. Zunächst stieß man bei den entsprechenden Instanzen auf ähnliches Entsetzen, was sich aber nach stattfindenden Gesprächen zwischen Hochschule und dem Dozenten, recht schnell legte. Bei einem erneuten, gemeinsamen Termin, zu dem neben dem AStA auch einige Studierende des betroffenen Semesters sowie der Dekan, die Prodekanin und der Dozent selbst erschienen, wurden die Vorwürfe zunächst seitens des Dozenten dementiert um dann im späteren Gesprächsverlauf relativiert oder sogar erneut bestätigt zu werden.

Da es sich bei den Äußerungen, die in der Vorlesung gefallen sind, scheinbar um breit interpretierbare Hypothesen handelte, sah man die Qualität der Lehre in den Vorlesungen des Dozenten offensichtlich nicht so stark gefährdet, dass es zu irgendeiner Sanktionierung kommen müsse. Alle anderen Vorfälle wurden unter der Kategorie freie Meinungsäußerung oder sogar Freiheit der Lehre abgetan. Es wurde außerdem darum gebeten, die Angelegenheit nicht in der breiten Öffentlichkeit zu diskutieren, um den “Ruf der Hochschule nicht zu beschmutzen.”

Die Geschichte wurde danach in detaillierter Form in der AStA-Zeitschrift “42” veröffentlicht. Man baute darauf, eine erneute Diskussion innerhalb der Hochschule anzuregen. Dies funktionierte zwar innerhalb der Studierendenschaft, nicht jedoch bei den Entscheidungstragenden in der Hochschulverwaltung. Auf Anfragen des AStA, wie nun mit der Angelegenheit umgegangen werde, verwies man stets auf noch bevorstehende Gespräche mit dem Dozenten.

Die offizielle Konsequenz daraus, die dem AStA in einer Rektoratssitzung nach fast einem Jahr (!) präsentiert wurde, ist eine geplante Evaluation, zur Feststellung des Verhältnisses zwischen dem Dozenten und seinen Studierenden.

Angesichts der Tatsache, dass in der gesamten Dauer, in der die Studierendenschaft stets mir leeren Versprechungen abgespeist wurde, der Dozent ungestört seinen Lehrbetrieb weiter fortführen konnte (wozu auch ein sogenanntes Selbsterfahrungsseminar gehört, das stark psychotherapeutisch geprägt ist) ist diese Entwicklung eine Farce.

Da im Zuge des Bildungsstreikes der Druck aus der Studierendenschaft wächst, sich mit dem erläuterten Fall endlich auseinander zusetzten, und auch an das Leitbild der HSNR appelliert wird, das sich klar gegen Diskriminierung positioniert, fordert der AStA die Hochschule nun auf, endlich adäquate Maßnahmen zu ergreifen und zu zeigen, dass pseudowissenschaftliche Theorien und biologistisch-rassistisches Gedankengut an unserer Hochschule keinen Platz haben.

Robert Kramer

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